Rückkehr-Chaos

Hier finden Sie Erfahrungsberichte aus der Zeit des Lockdown zwischen März und Mai 2020 und der anschließenden “Rckkehr zur Schule”.

Rückkehr zur Schule nach elf Wochen

Berlin, Ende Mai, Bericht einer Mutter: Gestern ging ich durch die Bergmannstraße. Überall standen Tische und Stühle auf dem Bürgersteig und die Leute genossen den lauen Frühlingsabend, waren ins Gespräch vertieft. Wäre ich aus einer Zeitreise in diese Situation gefallen, ich hätte nicht sagen können, welches Jahr wir haben.

Heute geht meine Tochter (11) zum ersten Mal nach elf (!!) Wochen wieder für 1 1/2 Stunden in die Schule. Sie wird mit einer ihrer besten Freundinnen zusammen mit der S-Bahn hinfahren, die sie seit elf (!!) Wochen nicht mehr gesehen hat, obwohl sie fünf Minuten mit dem Fahrrad entfernt wohnt. Die Kinder sollen Masken aufhaben, wenn sie sich vor der Schule sehen, mit Masken zu einer ganz bestimmten Uhrzeit zum Händewaschen und dann in den Klassenraum gehen. Sie sollen sich auf keinen Fall umarmen, heißt es in den Hygieneinformationen. Jedes Kind sieht nur ein Drittel seiner Schulkameraden wieder, denn die Klasse wurde in Gruppen aufgeteilt. Nach Alphabet, nicht nach Freundschaften, darüber gebe es keine Diskussion, wurde Kindern und Eltern vorab mitgeteilt.

Die Klasse war im vergangenen Jahr für eine Woche in einem Brandenburger Schullandheim, davon wurde ein Film gedreht. In dem Film lachen und singen die Kinder viel, teilweise gehört das zum Drehbuch, doch es gibt einige Szenen, in denen sie einfach aus Quatsch und aus Freude singen. Alle zusammen. Wir haben diesen Film im Lockdown gesehen und es fühlte sich an wie eine Botschaft aus einer fernen Welt. Die Klassenfahrt für den kommenden Herbst wurde abgesagt.

Auszüge aus dem Brief eines Vaters an eine hessische Landtagsabgeordnete

Sehr geehrte Frau …., ich hatte mich schon einmal an Sie gewandt, ohne dass ich anschließend das Gefühl haben konnte, ich hätte bei Ihnen Gehör gefunden. Ich mache mir große Sorgen um meine Tochter. Sie arbeitet in einem Altenpflegeheim. Sie arbeitet dort immer in Nachtschicht, weil sie die Tagzeiten braucht, um sich um ihre vier Kinder zu kümmern. Sie ist alleinstehend und hat vier Söhne im Alter von 8, 13, 15 und 18 Jahren, einer davon hat eine körperliche Behinderung.

Seit den Schulschließungen im März ist meine Tochter gezwungen, wenn sie morgens nach der Nachtschicht nach Hause kommt, sich um die Kinder zu kümmern, sie zu beschulen, dann deren Tag zu gestalten, ihnen Bewegung zu verschaffen, ihnen Essen zu besorgen und für sie zu kochen. Sie hat diesen Zustand geduldig ertragen, immer in der Hoffnung, dass er schnell beendet werden würde. Aber jedes Mal, wenn das Datum herankam, wo es so aussah, als würde man zur Normalität zurückkehren, wurde sie enttäuscht (…) Und niemand konnte ihr helfen, weil Kontakte ja nicht erlaubt waren. Es war dann wohl in der letzten Zeit möglich, dass sie zwei der Kinder für einige Stunden zur Betreuung hat in die Schule bringen können, was aber keine große Entlastung bedeutete.

Heute also teilt sie mir mit, dass es Pläne gibt, dass die Schüler nur noch alle zwei Wochen zur Schule gehen dürfen. Und so soll das bis zu den Sommerferien gehen. Sie ist jetzt schon am Ende ihrer Kräfte. (…)

Wenn sie eines Tages zusammenbricht, dann mache ich Sie, die Regierung dieses Bundeslandes, dafür verantwortlich. Wenn dann vier junge Menschen ohne ihre Mutter dastehen, mache ich Sie, die Regierung dieses Bundeslandes, dafür verantwortlich. (…)

Steuern Sie sofort um! Beenden Sie sofort alle einschränkenden Maßnahmen! Lassen Sie sofort alle Kinder in die Schulen zurück, ohne Masken, ohne Einschränkungen, ohne dumme Wochenwechselpläne! Sie gefährden das Leben meiner Tochter, Sie gefährden die Zukunft dieser Kinder! 

“Ich schaue nur noch, hier irgendwie durchzukommen“.

Auszüge aus dem Brief der Mutter (s. vorangegangener Beitrag) an ihren Vater (Anm: alle Namen von der Red. geändert):

„Arbeiten, 3 Stunden schlafen, dann Beschulung mit den dreien bis ein Uhr, dann kochen, dann Termine der Kinder oder rausgehen mit ihnen, damit sie ihre Power loswerden. Ich habe keine Hoffnung mehr, selbst dagegen zu kämpfen, nur noch durchkommen mit der ganzen Sch…

Die Lehrer haben mittlerweile ein Pensum, welches das eines normalen Schultages teils übertrifft. Max muss ich zum Beispiel die Schreibschrift nun selbst beibringen. Der Lehrer liefert das Material.

Klaas hat nicht nur seinen Epochenunterricht mit Aufgaben, sondern in Mathe jede Woche ebenso viel, als ob er Mathe-Epoche hätte, und dabei hat er Geschichte etc. Und Benny  hat das schriftliche  Malnehmen auch neu gelernt, und ich werde dabei fast verrückt. Zusätzlich hat jedes Kind Aufgaben in Massen jede Woche in zwei Fremdsprachen, bzw. Paul in anderen Fächern und keine Sprachen.

Klaas hat auch bis zu drei Mal wöchentlich Video-meetings über Stunden. Erfordert zumindest meine Zuschaltung, damit es funktioniert, und ich muss im Haus anwesend sein, wenn er Probleme hat.

So ist das, völlig krass, beschissen und verrückt. Frank (Anm. d. Red. Partner, der nicht im Haushalt lebt) sagt, ich hätte mich verändert.

Kein Wunder, wie auch nicht.”

Unterricht während des Lockdowns

Frankfurt a.M., Bericht einer Mutter zweier Söhne 7. und 9. Klasse:

Meine Kinder bekommen größtenteils überhaupt keine Rückmeldung zu ihren Homeschooling-Aufgaben. Die schicken immer was hin und es kommt nichts zurück. Das ist für die echt demotivierend. Englischunterricht haben sie gar nicht. Beide haben seit Wochen kein Wort Englisch mehr gesprochen. Da ich voll berufstätig bin und mein Mann auch, können wir das nicht auch noch ersetzen.

Die Vorgabe der Schulleitung an die Lehrer ist: Für Hauptfächer wünschenswert ist eine Rückmeldung einmal pro Monat an die Schüler, für Nebenfächer einmal bis zu den Sommerferien. In Musik und Sport gibt es bis zu den Sommerferien nur Theorie.

Wenn meine Söhne nun an einzelnen Tagen für ein paar Stunden in die Schule gehen, haben sie nicht die ganze Zeit einen Lehrer für sich, sondern der oder die unterrichtet zwei Gruppen in zwei verschiedenen Räumen. Wenn der Lehrer in dem einen Raum ist, haben die sie in dem anderen keine Aufsicht.

Die Lehrer*innen machen bei unserer Schule keinen Onlineunterricht, nicht mal stundenweise. Hier sagt die Schulleitung, sie können die Lehrer nicht zwingen, Videounterricht abzuhalten, wenn die nur ihre privaten Geräte haben und keine Schulgeräte. Ich kann das nicht nachvollziehen, im Moment nutzt doch jeder das, was er oder sie hat, um irgendwie zu arbeiten.

Rückkehr zur Schule, Thema Tages- und Wochenstruktur

Berlin, Bericht einer Mutter, 3 Kinder (6, 9 und 12 J.): “Seit letzter Woche geht mein Ältester jede Woche Tage zur Schule, das Zweitälteste Kind geht zwei Tage und das Jüngste einen Tag. Das heißt, jeden Tag geht mindestens ein Kind zur Schule und mindestens eins bleibt zu Hause. Die Wochenorganisation ist nun fast schwieriger als zur Zeit der kompletten Schulschließung. Am schwersten fällt es mir, meinen Jüngsten (6 Jahre) zu motivieren. Er geht in die erste Klasse und hat genau einen Tag die Woche für vier Stunden Unterricht. Das ist ausgerechnet Montags morgens ab 7:40 Uhr. Den Rest der Woche muss er allein zu Hause lernen.

Alle drei Kinder haben nur wenige Stunden Schule und alle sehr früh, dabei ist uns doch – wie vielen, die ich kenne – in der Zeit des Lockdowns die Tagesstruktur nach hinten verrutscht. Das heißt, die Kinder sind später aufgestanden als sonst und später ins Bett gegangen. Jetzt auf einmal ist das wieder an einzelnen Tagen und für jeweils einzelne Geschwisterkinder anders. Es ist insgesamt sehr schwer, sich zu organisieren und die Kinder zu motivieren. (Stand: Mitte Mai 2020)

Rückkehr zur Schule, Umsetzung Hygienevorschriften

Berlin-Kreuzberg, Bericht einer Grundschülerin, 10 Jahre: “Nach jeder dreiviertel Stunde gibt es eine extra-Pause, in der man sich die Hände waschen muss, in der man mindestens 19 Minuten von 20 Minuten ansteht. Was anderes machen kann man in der Pause nicht.

Rückkehr zum Sportplatz, Hygiene- und Abstandsregeln

Berlin-Schöneberg, Bericht einer Jugendtrainerin: “Am 18.05. war ich zum ersten Mal wieder mit den Kindern (8-12 J.) auf dem Sportplatz. Viele Kinder aus meiner Gruppe konnte ich gar nicht begrüßen und mit ihnen trainieren, weil wir die – sowieso schon verkleinerten Gruppen – weiter aufteilen mussten.

Die Kinder müssen bereits in Sportsachen zum Training erscheinen. Die Kinder, die das nicht wussten, mussten sich im Freien umziehen. Alle müssen 1,50 Meter Abstand halten, auch Geschwisterkinder. Ich habe selbst drei Kinder, die ich zum Training mitnehme, auch die müssen Abstand voneinander halten und auch von mir. Für die beiden Älteren geht das, der Jüngste ist erst sechs und versteht das einfach nicht. Für mich als Mutter ist das belastend.

Aber für die Eltern von Kleinkindern ist es noch schwieriger, denn die Eltern dürfen jetzt nicht mehr auf den Sportplatz. Man darf sich auf dem Platz nicht mehr aufhalten und man darf auch nichts essen. Vor den Corona-Maßnahmen waren die Eltern von den Vier- und Fünfjährigen oft als Zuschauer beim Training. Viele Kinder wollen ja auch nicht alleine da bleiben. Jetzt dürfen die Eltern nur noch in maximaler Nähe von geschätzt 200 Metern hinter einem Gitter stehen, sind also auch nicht in Rufnähe oder können Blickkontakt halten. Ich glaube, dass deswegen erstmal auch nur wenige kleinere Kinder wieder zum Training kommen.

In meiner Gruppe sind ältere Kinder, aber auch für die ist es komisch, denn man ist als Trainerin sehr beansprucht, weil die Kinder ja beispielsweise nichts anfassen dürfen. Ich darf aber auch die Kinder nicht berühren, also zum Beispiel um eine Haltung zu korrigieren oder um Hilfestellung zu geben. Am Anfang musste ich die Gruppe erstmal für 15 Minuten alleine lassen, weil wir uns als Trainer in einer Reihe beim Platzwart aufstellen mussten, um Zettel mit unterschriebenen Erklärungen abzugeben, dass wir uns an alles halten und das wir im Prinzip für alles die Verantwortung übernehmen. Eigentlich schon krass, was man da unterschreiben muss, bloß weil man den Kindern endlich wieder ein bisschen Sport anbieten will.

Ein Trainer, den ich gut kenne, sagt, die Kinder in seinen Gruppen wirken etwas verstört durch das alles. Keines würde mehr lachen, alle seien etwas verkrampft. Bei „meinen“ Kindern hatte ich zum Glück den Eindruck, es geht, die sind einigermaßen normal. Aber ich versuche jetzt demnächst woanders mit ihnen zu trainieren, weil man auf dem Sportplatz ja fast nichts machen kann.

Was man alles nicht darf: Geräte benutzen, Fußballrasen betreten, Weitsprunganlage – alles tabu. Werden Bälle benutzt, dann dürfen die Kinder sie sich nicht zuwerfen. Jedes Kind muss einzeln damit spielen und der oder die Trainer*in muss hinterher jeden Ball einzeln desinfizieren. Wirft ein Kind aus Versehen (was vorkommt) seinen Ball in die große Kiste mit den bereits desinfizierten Bällen, müssen alle diese Bälle wieder herausgenommen und nochmals desinfiziert werden.

Was die Kinder dürfen: Auf der Bahn laufen, mit Abstand zur Seite 1,50 Meter, mit Abstand nach hinten 20 Meter. Mehr fällt mir gerade nicht ein.

In den Schulen ist es noch krasser, dort dürfen die Kinder im Sportunterricht nicht schwitzen. Eine Freundin von mir ist Sportlehrerin, die ist vergangene Woche mit allen Kindern im Tiergarten spazieren gegangen und hat zwischendurch immer wieder Übungen mit ihnen gemacht.

Problem auf den Sportplätzen insgesamt: Es darf nur eine begrenzte Anzahl von Gruppen drauf, es gibt Zeitfenster, die für die Schulen reserviert sind, die aber nutzen das noch gar nicht. Schulfremde Personen, auch wenn sie Sportvereinsmitglieder sind, dürfen dann aber trotzdem nicht trainieren, auch wenn der Platz leer ist. (Stand: Mitte Mai 2020)

Berlin-Schöneberg, Bericht eines Mädchens (11 Jahre): Wir waren vergangene Woche das erste Mal wieder beim Leichtathletik. Ich musste mich hinter einem Schuppen umziehen weil meine Mutter die ganzen Informationen gar nicht vollständig gelesen hat, die ihr der Sportverein geschickt hat, da stand wohl drin dass die Umkleiden zu sind. Mama hat mir hinterher die Whatsappnachrichten gezeigt, die sie dazu geschickt bekommen hat, man musste dreimal runterscrollen, um alles zu lesen.

Es war nur ungefähr ein Drittel der Kinder da, die sonst zum Training kommen, aber trotzdem sind wir nochmal aufgeteilt worden und ich war bei einer neuen Trainerin.

Wir mussten immer Abstand halten und durften nichts anfassen. Eine Übung war, dass wir durch am Boden liegende Reifen gesprungen sind und die durften wir auch nicht berühren. Es war aber so, dass immer mal wieder ein Reifen aus Versehen durch ein Kind beim Springen verschoben wurde, und dann durften wir das nicht selbst wieder richtig hinschieben. AUCH NICHT MIT DEM FUSS (Heraushebung durch Redaktion). Wir mussten dann immer die Trainerin holen, die weiter weg was mit anderen Kindern gemacht hat, damit die den Reifen zurückschiebt. Das hat die glaube ich ganz schön genervt und wir mussten zwischendurch immer wieder lange warten.

Sportunterricht während des Lockdowns

Berlin-Steglitz, eine 6. Klasse: Der Sportlehrer lädt zu Beginn des Lockdowns ein Dokument auf den Schulserver hoch. Darauf steht: „Bleibt fit!“ Die Kinder haben bis heute nichts wieder von ihm gehört (Stand 22. Mai).

Erfahrungsbericht zusenden

Link zu unserer Petition

in der wir eine schnelle Rückkehr zu Schule und Kita für alle Kinder und normalen Umgang der Kinder in überschaubaren Gruppen fordern

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