FAQ: Wie gefährlich bzw. ansteckend sind Kinder für andere?

Höchst relevant für die Frage, ob Kinder wieder “normal” in die Schule gehen können, ist der Wissensstand darüber, wie ansteckend Kinder für andere sind. Es gab bereits früh – also im Februar 2020 – Hinweise aus Studien zu Covid-19, dass Kinder nicht nur sehr viel seltener schwer erkranken, sondern dass sie auch weniger infektiös für andere sind. Leider fanden diese Befunde, die seither durch zahlreiche Studien über Infektionsketten bestätigt wurden, in Deutschland bisher wenig Beachtung. Hier finden Sie mit einer jeweils kurzen Zusammenfassung die Links zu den jeweiligen Studien und Berichten:

Aktuelle Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene vom 3.08.2020

Diese Stellungnahme beruht auf den neusten wissenschaftlichen Studien zum Thema. Zentrale Aussage und Forderung: Schulen und Kitas nach den Sommerferien geöffnet lassen, selbst wenn es zu Infektionen mit Covid-19 kommen sollte. Es sei nicht notwendig, ja sogar kontraproduktiv, wegen vereinzelter Corona-Fälle ganze Schulen oder Kitas zu schließen.

Das Recht und das Bedürfnis der Kinder auf Bildung und Entwicklung sei  wichtiger, hierfür seien die täglichen Herausforderungen in Schule und Kita inklusive der sozialen Kontakte mit Gleichaltrigen essenziell. Kinder seien zudem kaum gefährdet, an Covid-19 schwer zu erkranken oder zu sterben. Nach bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen seien sie aber auch weniger ansteckend. Zitat: „Vieles spricht außerdem dafür, dass Kinder und Jugendliche (zumindest bis 14 Jahre) das SARS-CoV-2 seltener als Erwachsene auf andere Menschen übertragen“.

„Lehrer in Schulen und das Personal in Kindertageseinrichtungen (Kitas) haben (…) bei Einhaltung von basalen Hygienemaßnahmen nur ein geringes Ansteckungsrisiko durch Kontakte zu potentiell infizierten Kindern“.

Berichte über „Ausbrüche“ an Schulen / Kitas seien irreführend und sollten Eltern, Kindern und Lehrer bzw. Erzieher nicht beunruhigen. Bei den meisten „so genannten Ausbrüchen“ habe es sich „kleine Fallzahlen“ gehandelt, deren „Ursache außerhalb der Kitas oder Schulen lag“.

„Die Wiedereröffnung von Kitas und Schulen hat in keinem der Länder, in denen ein allgemeiner Rückgang der Infektionen in der Allgemeinbevölkerung zu verzeichnen war und in denen grundlegende Präventionsmaßnahmen in der Allgemeinbevölkerung weiter verfolgt wurden,  zu einem Anstieg der Infektionszahlen bei Kindern und Jugendlichen geführt“.

Link zur Stellungnahme der DGHK vom 3.06.2020 “Maßnahmen zur Aufrechterhaltung eines Regelbetriebs (…) in Einrichtungen der Kindertagesbetreuung oder Schulen unter Bedingungen der Pandemie und Kozirkulation weiterer Erreger von Atemwegserkrankungen

Studie nach früher Schul-Rückkehr in Sachsen: “Infektionsrisiko ist gleich Null”

In Sachsen waren die Schulen bereits im Mai wieder geöffnet worden. Eine Studie der Kinderklinik der Universitätsklinik Leipzig begleitete dieses “Experiment”. Für die Untersuchung waren von Ende Mai bis Ende Juni an 19 Schulen in fünf Städten 2599 Rachenabstriche genommen worden. Keiner davon erwies sich als positiv. Untersucht wurden Grundschüler der zweiten und dritten Klassen sowie Gymnasiasten der sechsten und zehnten Klassen sowie deren Lehrer. Eine Wiederholung der Studie bestätigte zu Anfang August das geringe Risiko, das mit dem Schulbetrieb in Sachsen für die Verbreitung von Covid-19 einherging.

In Sachsen besteht an den Schulen lediglich Masken-Mitnahmepflicht, Schüler müssen keine Abstandsregeln mehr einhalten. Aktuelle Regelung

Bericht der “Ärztezeitung” über die Schulstudie der UKE Leipzig

NTV-Bericht mit O-Tönen des Studienleiters über die Widerholungsstudie

Frühe Hinweise auf eine geringe Infektiosität von Kindern (Covid-19)

Medizinische Fachberichte aus China, wo die aktuelle Corona-Pandemie ausbrach, zeigten bereits früh, dass Kinder offenbar weniger gefährdet sind, an Covid-19 schwer zu erkranken. Bereits im Februar und März lag hierzu eine ganze Reihe virologischer Studien vor. So zeigte zum Beispiel diese Studie, dass Kinder und Jugendliche (< 18 J.), die nachweislich in engem Kontakt mit Covid-19-Patienten waren, sich deutlich seltener ansteckten als Erwachsene. In einer Erhebung, in der die Verbreitung des Virus im Zusammenhang mit größeren Familienfeiern rekapituliert wurde, infizierten sich von 745 Kindern nur 10 Kinder (1,3 %).
Link zur Studie: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/jmv.25807

Dem Bericht einer internationalen Expertenkommission unter Leitung der WHO und dem Chinese Center for Desease Control and Prevention zufolge zeigten Erhebungen in verschiedenen chinesischen Provinzen zu Anfang des Jahres, dass von allen nachweislich infizierten Kindern nur 2,4 % an Covid-19 auch erkrankten. Während in vielen Fällen rekapituliert werden konnte, dass die Übertragung des Virus von Erwachsenen auf Kinder erfolgte – entweder über die Eltern oder andere Verwandte, oder aber auch bei Besuchen medizinischer Einrichtungen durch das dortige Personal, betont der Bericht, dass es bis dato keinerlei Evidenz gebe, dass Kinder das Virus auf Erwachsene oder andere Kinder übertragen haben. Diese Befunde fanden bei der Risikoeinschätzung in Deutschland jedoch keine Berücksichtigung und wurden auch nicht zügig durch eigene Forschungen überprüft. Link zum Bericht der China Joint Mission

Eine andere, durch ein internationales Team durchgeführte Studie im chinesischen Shenzhen kam zu dem Schluss, dass sich Kinder nicht seltener infizieren als Erwachsene, offenbar aber selbst das Virus nur selten übertragen. Diese Studie wurde in den Medien mehrfach zitiert, allerdings wurde nur der Aspekt betont, dass Kinder sich genauso häufig infizieren wie Erwachsene.

Link zur “Shenzen-Studie”

Australische Studie: Äußerst geringes Infektionsgeschehen in Schulen

Was in Deutschland kaum Beachtung fand: Nicht nur in Schweden, auch in Australien blieben die Schulen während der ersten Pandemiewelle weitestgehend geöffnet. Als es in einem australischen Bundesstaat im März und April zu Corona-Fällen an Schulen (insgesamt 18 Schüler*innen und Lehrer*innen (jeweils 9) kam, wurden sofort alle engeren Kontakte ebenfalls getestet – insgesamt 735 Kinder und 128 Erwachsene. Von den engen Kontaktpersonen unter den Lehrer*innen hatte sich niemand bei den infizierten Schüler*innen angesteckt. Bei den Schüler*innen gab es insgesamt nur 2 Fälle, wo eine Übertragung von einem Kind auf ein anderes vermutet werden kann. Insgesamt hatte also eine Übertragung auf 2 von 863 Kontaktpersonen stattgefunden.
Link zu dieser Fallstudie

Diese Erhebung und Folgeerhebungen an Schulen sind in einem Fachartikel (mittlerweile peer reviewed) in der internationalen medizinischen Fachzeitschrift “The Lancet” publiziert. Zitat: “SARS-CoV-2 transmission rates were low in NSW educational settings during the first COVID-19 epidemic wave, consistent with mild infrequent disease in the 1·8 million child population. With effective case-contact testing and epidemic management strategies and associated small numbers of attendances while infected, children and teachers did not contribute significantly to COVID-19 transmission via attendance in educational settings. These findings could be used to inform modelling and public health policy regarding school closures during the COVID-19 pandemic“.

Frankreich: Kind mit 172 Kontakten steckte keinen an

Ein Kind aus Frankreich, das nachweislich mit Covid-19 infiziert war, hatte während der Inkubationszeit 172 Kontakte, nahm unter anderem an drei verschiedenen Skikursen teil. Doch es steckte offenbar niemanden an.
Link zum Medienbericht (welt.de 20.04.2020)

Ansteckungsgefahr im Haushalt – für Kinder offenbar geringer

Bereits am 10. April berichtete der Virologe Hendrik Streeck bei der Pressekonferenz zur Vorstellung der Zwischenergebnisse der so genannten „Heinsberg-Studie“, dass Kinder, auch wenn sie in Haushalten mit Infizierten zusammenlebten, sich offenbar seltener infizierten, obwohl Abstand halten zu Hause doch kaum möglich ist. Leider ging dieser Aspekt in dem anschließenden öffentlichen Streit um die Interpretation der Studienergebnisse unter.

Die Endergebnisse der Heinsberg-Studie, die am 4. Mai der Öffentlichkeit vorgestellt wurden, bestätigten das überraschende Ergebnis der geringeren Gefahr einer sekundären Infektion im Haushalt: Während das grundlegende Risiko in der Gemeinde Gangelt, sich mit dem Virus zu infizieren, nach dem Superspreading-Event der Karnevalssitzung bei 15 % lag, betrug das Risiko einer zweiten Person im Haushalt, sich bei eine/r oder eine/m Infizierten anzustecken, 43,6 %, bei drei Personen im Haushalt betrug es 35,7 % und bei vier Personen betrug es lediglich 18,3 %.
Link zum vorläufigen Endbericht der Heinsberg-Studie

Auch das Deutsche Ärzteblatt fasst zusammen: „Studien zur Übertragungen in Haushalten haben initial eine vergleichbare Ansteckungsrate aller Altersgruppen vermutet (6), aktuellere Daten zeigen jedoch übereinstimmend, dass sich Kinder etwa dreimal seltener als Erwachsene anstecken (7, 8, 9).

(…) Als Überträger von SARS-CoV-2 spielen Kinder eine geringere Rolle als bislang vermutet. Daher sollten die Schließungen von Kindertagesstätten und Schulen neu überdacht werden“.
Link zum Fachartikel (Dtsch Arztebl 2020; 117(19): A-990 / B-837)

Wie gefährlich sind Kinder für Oma und Opa?

Oma und Opa sollten nach Aussage führender Virologen mindestens ein halbes Jahr gemieden werden. Diese Empfehlung basierte auf einer fragwürdigen Berechnung von Ökonomen. Die empirische Grundlage über das tatsächliche Übertragungsgeschehen fehlte.

Vieldiskutiert wurde in Deutschland eine Studie zweier Ökonomen des Institutes für die Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn, Christian Bayer und Moritz Kuhn. Sie dient in der bisherigen Debatte als wichtige Argumentationsbasis dafür, Enkelkinder von ihren Großeltern fernzuhalten. Doch zu minderjährigen Kindern im Haushalt und ob diese tatsächlich von ihren Großeltern betreut werden, enthielt die Studie gar keine Daten.

Die Studie untersucht nach eigener Aussage die Wahrscheinlichkeit, an einer Covid-19-Erkrankung zu sterben, wenn mehrere Generationen unter einem Dach leben. Auf der Basis von Datensätzen zum intergenerationellen Zusammenleben in 24 Ländern wurde der Zusammenhang zwischen der Todesrate infolge der Covid-19-Pandemie und einem engen sozialen Austausch zwischen den Generationen berechnet. Ein schwacher Zusammenhang ergibt sich allerdings nur in einem Teil der Analyse und dieser hängt komplett am Extremfall Italien, wo sehr viele ältere Personen verstorben sind. Im Fazit der Studie empfehlen die Ökonomen, Kinderbetreuung durch Großeltern zu unterbinden, um so die Risikogruppen der Älteren besser zu schützen. Sie erwähnen leider nicht, dass in ihrer Studie überhaupt nicht untersucht wurde, ob die Verstorbenen Kontakt zu Enkelkindern hatten. Die untersuchten Datensätze enthielten nämlich nur den Anteil der Erwerbsbevölkerung im Alter zwischen 30 bis 49 Jahren, die mit ihren Eltern zusammenwohnen, nicht aber die Zahl der im Haushalt lebenden Kinder und Jugendlichen. Auch wurde nicht darauf verwiesen, dass Italien demographisch mit Japan zu den Ländern mit der ältesten Bevölkerung der Welt gehört.
Link zur Studie:

1. Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene und weiterer Fachgesellschaften zur Wiederöffnung der Schulen (19.05.20)

Findet hoffentlich endlich Beachtung: Am 19. Mai 2020  veröffentlichte die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene, die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie, die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (DAKJ) und der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte in Deutschland eine Stellungnahme mit folgendem Titel:

“Kinder und Jugendliche in der CoVid-19-Pandemie: Schulen und Kitas sollen wieder geöffnet werden. Der Schutz von Lehrern, Erziehern, Betreuern und Eltern und die allgemeinen Hygieneregeln stehen dem nicht entgegen”

Gefordert wird die zeitnahe Öffnung von Kitas und Grundschulen „ohne massive Einschränkungen, zu denen z. B. Kleinstgruppenbildung und Barriereschutzmaßnahmen wie Abstandswahrung und Maskentragen gehören würden“. Entscheidender als die individuelle Gruppengröße sei die Frage der nachhaltigen Konstanz der jeweiligen Gruppe. Die Kinder könnten normal miteinander umgehen, die Lehrer brauchten sich nicht übermässig vor Ansteckung zu sorgen, da Kinder das Virus dem bisherigen Wissensstand zufolge eher nicht auf Erwachsene übertragen.

Link zur Stellungnahme “Maßnahmen zur Aufrechterhaltung eines Regelbetriebs und zur Prävention von SARS-CoV-2-Ausbrüchen in Einrichtungen der Kindertagesbetreuung oder Schulen” der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene und weiterer Fachgesellschaften vom 19. Mai 2020

FAQ: Wie gefährlich bzw. ansteckend sind Kinder für andere?