FAQ: Wie gefährlich, d.h. wie ansteckend sind Kinder im Zusammenhang mit Covid-19?

Nach allem, was an Studien über die Rolle von Kindern im Zusammenhang mit Covid-19 vorliegt, ist nicht nachvollziehbar, warum Kinder und Jugendliche fast überall in Deutschland rigidesten Hygienemaßnahmen unterliegen.

Kinder sind weder besonders durch Covid-19 gefährdet, noch spielen sie bei der Verbreitung des Virus eine tragende Rolle. Insbesondere stecken sie in aller Regel, wenn sie das Virus in sich tragen, Erwachsene gar nicht an. Berichte über „Ausbrüche“ an Schulen und die übermässige Angst mancher Lehrer sind daher nicht gerechtfertigt. Die Maßnahmen sind nicht evidenzbasiert.

Kinder übertragen das Virus seltener, insbesondere auf Erwachsene

Eine ganze Reihe von Studien belegt mittlerweile, dass Kinder auch weniger ansteckend für andere sind. Insbesondere übertragen Kinder das Virus offenbar nur selten auf Erwachsene.

Dies wurde jüngst durch eine Studie aus Indien, in der Wissenschaftler Daten von mehr als 570.000 Menschen aus allen Altersstufen auswerteten, bestätigt. Überprüft und auf Covid-19 getestet wurden Personen, die mit einem nachweislich Infizierten in ihrem direkten Umfeld Kontakt hatten.

Ergebnis: 70 Prozent der Kontaktpersonen steckten sich überhaupt nicht an. Noch interessanter ist jedoch die Ansteckungswahrscheinlichkeit nach Altersgruppen: Denn von den Ein- bis Vierjährigen steckte sich nur knapp jedes vierte Kind an, in der Altersstufe der 5- bis 17-Jährigen war es nur jedes fünfte Kind.

Nochmal in Prozentzahlen: Die Wahrscheinlichkeit für alle Altersgruppen, sich anzustecken, wenn ein Kontakt mit einem nachweislich Infizierten bestand, lag bei bei 30 %, für ein- bis Vierjährige bei knapp 25 % und für 5-17jährige bei rd. 20 %.

Kinder gaben das Virus jedoch hauptsächlich an Gleichaltrige weiter und nur sehr selten an Erwachsene, hier lag der Wert zwischen fünf bis acht Prozent. Am höchsten war das Risiko der Weitergabe, wenn die Betroffenen in einem Haushalt zusammenlebten.

Zur Einordnung: Basis der Studie ist nachvollzogenes, tatsächliches Infektionsgeschehen bei über einer ½ Millionen Menschen. In indischen Haushalten leben Menschen wesentlich enger zusammen als in Deutschland. Wenn selbst dort kaum Übertragungen von Kindern auf Erwachsene stattfinden, könnte man den Schluss ziehen, dass sich Lehrer/innen in Deutschland keine Sorgen machen müssen, sich im Klassenraum zu infizieren.

Link zur “indischen” Studie im Science Magazine, veröffentlicht am 30. September 2020, Titel „Epidemiology and transmission dynamics of COVID-19 in two Indian states“.

Keine Evidenz für “Kinder als Gefahr”

Kindern einzureden, sie seien eine Gefahr für Oma und Opa, war nicht nur schlimm, sondern auch falsch. Im März empfahl Christian Drosten, Kinder „bis September“ nicht mehr zu den Großeltern zu bringen. Diese Aussage basierte auf einer – offenbar schnell zusammengezimmerten – Studie zweier Ökonomen (sic!) des Institutes für die Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn.

Die Studie untersuchte nach Aussage der Autoren die Wahrscheinlichkeit, an einer Covid-19-Erkrankung zu sterben, wenn mehrere Generationen unter einem Dach leben. Auf der Basis von Datensätzen zum intergenerationellen Zusammenleben in 24 Ländern wurde der Zusammenhang zwischen der Todesrate infolge der Covid-19-Pandemie und einem engen sozialen Austausch zwischen den Generationen berechnet.

Die Studie, die bisher nicht peer reviewed wurde (Stand Okt. 20), entbehrt allerdings jeglicher empirischer Evidenz. Es wurde nämlich gar nicht untersucht, ob die an Covid-19 Verstorbenen, z.B. in Italien, Kontakt zu Enkelkindern hatten. Die untersuchten Datensätze enthielten lediglich den Anteil der Erwerbsbevölkerung im Alter zwischen 30 bis 49 Jahren, die mit ihren Eltern zusammenwohnen, nicht aber die Zahl der im Haushalt lebenden Kinder und Jugendlichen. Auch wurde nicht darauf verwiesen, dass Italien demographisch mit Japan zu den Ländern mit der ältesten Bevölkerung der Welt gehört. So war nicht klar, ob es überhaupt einen Zusammenhang zwischen der Kohabitation von Kindern und Großeltern und einem erhöhten Sterberisiko für Großeltern gibt.

Internationale Studien belegen: Schulschließungen unnötig zur Pandemiebekämpfung

Studien aus Schweden, Finnland, Australien und wenn man genauer hinschaut, auch aus Israel, zeigen, dass geöffnete Schulen keine relevanten Auswirkungen auf das Infektionsgeschehen hatten bzw. dass umgekehrt Schulschließungen nichts bringe.

„Die Wiedereröffnung von Kitas und Schulen hat in keinem der Länder, in denen ein allgemeiner Rückgang der Infektionen in der Allgemeinbevölkerung zu verzeichnen war und in denen grundlegende Präventionsmaßnahmen in der Allgemeinbevölkerung weiter verfolgt wurden, zu einem Anstieg der Infektionszahlen bei Kindern und Jugendlichen geführt“, so die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene in einer Stellungnahme, die auf einer Auswertung aller bis dato vorliegenden internationalen Studien beruht.

Link zur Stellungnahme der DGKH als PDF

Vergleichstudie Schweden-Finnland

Diese Vergleichsstudie zwischen Finnland und Schweden zeigte, dass die Corona-Infektionsraten bei Kindern und Jugendlichen (0-19 J.) in beiden Ländern ähnlich waren, obwohl in Finnland die Schulen geschlossen waren (zwischen KW 12-20) und sie in Schweden offen blieben. Und das sogar, obwohl Schweden in dieser Zeit insgesamt stärker vom Ausbruch von Covid-19 betroffen war.

In beiden Ländern gab es nur eine sehr geringe Anzahl von Corona-positiven Kindern, die auf eine Intensivstation eingewiesen werden mussten und keine Todesfälle. Die in finnischen Grundschulen durchgeführte Ermittlung von Kontaktpersonen fand keine signifikanten Hinweise darauf, dass Kinder andere Personen ansteckten.

In Schweden wurde festgestellt, dass Lehrer – an Grund- und Sekundarschulen, auch in der Tagesbetreuung  – kein erhöhtes Infektionsrisiko gegenüber anderen Berufsgruppen zu verzeichnen hatten; demgegenüber ermittelten die Forscher ein relatives Risiko von 4,8 für Taxifahrer und 4,5 für Pizzabäcker.

Fazit der Studie: Kinder scheinen bei der Übertragung von Covid-19 eine weniger wichtige Rolle zu spielen. Diese schwedisch-finnische Studie zeigt keine messbaren Auswirkungen von Schulschließungen auf die Zahl der Infektionen. Die negativen Auswirkungen der Schulschließungen überwiegen. Hier noch einmal der Link zur Vergleichstudie Schweden-Finnland und hier ein gut lesbarer Zeitungsartikel darüber.

Australische Studie: Äußerst geringes Infektionsgeschehen in Schulen

Was in Deutschland kaum Beachtung fand: Nicht nur in Schweden, auch in Australien blieben die Schulen während der ersten Pandemiewelle weitestgehend geöffnet. Als es in einem australischen Bundesstaat im März und April zu Corona-Fällen an Schulen kam, wurden sofort alle engeren Kontakte der 18 Infizierten ebenfalls getestet – insgesamt 735 Kinder und 128 Erwachsene. Von den engen Kontaktpersonen unter den Lehrer*innen hatte sich niemand bei den infizierten Schüler*innen angesteckt. Bei den Schüler*innen gab es insgesamt nur 2 Fälle, wo eine Übertragung von einem Kind auf ein anderes vermutet werden konnte. Insgesamt hatte also eine Übertragung auf 2 von 863 Kontaktpersonen stattgefunden, darunter keine Übertragung von Kindern auf Erwachsene. Link zur “australischen Fallstudie

Diese und weitere Erhebungen an australischen Schulen sind in einem Fachartikel (mittlerweile peer reviewed) in der internationalen medizinischen Fachzeitschrift “The Lancet” publiziert. Zitat: “SARS-CoV-2 transmission rates were low in NSW educational settings during the first COVID-19 epidemic wave, consistent with mild infrequent disease in the 1·8 million child population. With effective case-contact testing and epidemic management strategies and associated small numbers of attendances while infected, children and teachers did not contribute significantly to COVID-19 transmission via attendance in educational settings. These findings could be used to inform modelling and public health policy regarding school closures during the COVID-19 pandemic“. Link zum Lancet-Artikel über die australischen Fallstudien an Schulen.

Zusammenfassung diverser internationaler Studien durch das Deutsche Ärzteblatt

Das Deutsche Ärzteblatt hat verschiedene Studien aus China, Italien, den USA, Island, den Niederlanden, Australien und Frankreich zur Infektiösität von Kindern verglichen und kommt zu dem Schluss:

„Der Altersdurchschnitt einer Bevölkerung scheint sogar Auswirkungen auf die bevölkerungsspezifische Reproduktionszahl R0 zu haben. Entsprechende Modelle erklären die rasche Ausbreitung von SARS-CoV-2 in Europa mit dem hohen Durchschnittsalter der Bevölkerung und prognostizieren eine deutlich langsamere Ausbreitung in Ent- wicklungsländern mit einem höheren Anteil von Kindern. […]

Insgesamt gebe es dennoch klare Hinweise, dass Kinder nicht nur deutlich seltener und milder als Erwachsene erkranken, sondern auch seltener Überträger von SARS- CoV-2 sind. Entsprechend äußert sich auch das im Allgemeinen sehr zurückhaltende European Centre for Disease Control (ECDC): „Übertragungen von Kinder auf Erwachsene scheinen selten zu sein (22).“ Link zum Fachartikel (Dtsch Arztebl 2020; 117(19): A-990 / B-837):

Sachsen: frühe Schulrückkehr, keine Maskenpflicht, wo sind die Schlagzeilen?

In Sachsen wurden die Schulen bereits im Mai wieder geöffnet. Eine Studie der Kinderklinik der Universitätsklinik Leipzig begleitete dieses “Experiment”. Für die Untersuchung waren von Ende Mai bis Ende Juni an 19 Schulen in fünf Städten 2599 Rachenabstriche genommen worden. Keiner davon erwies sich als positiv. Untersucht wurden Grundschüler der zweiten und dritten Klassen sowie Gymnasiasten der sechs ten und zehnten Klassen sowie deren Lehrer. Eine Wiederholung der Studie bestätigte zu Anfang August das geringe Risiko, das mit dem Schulbetrieb in Sachsen für die Verbreitung von Covid-19 einherging. In Sachsen besteht an den Schulen lediglich Masken-Mitnahmepflicht, Schüler müssen keine Abstandsregeln mehr einhalten.

Bericht über die Schulstudie der UKE Leipzig in der Ärztezeitung. https://www.aerzte- zeitung.de/Politik/Kaum-Corona-Infektionen-in-Sachsens-Schulen-411767.html

NTV-Bericht mit O-Tönen des Studienleiters über die Widerholungsstudie.

Baden-Württemberg-Studie: Kinder werden seltener infiziert

In dieser Studie untersuchten Wissenschaftler/innen rd. 2.500 Kinder im Alter von einem bis zehn Jahren sowie ein zugehöriges Elternteil, also insgesamt rund 5.000 Personen, um festzustellen, ob zum Zeitpunkt der Testung eine unbemerkte Infektion mit SARS-CoV-2 vorlag oder die Testpersonen bereits eine Virus-Infektion durchlaufen hatten. Untersuchungszeitraum war der 22.04- bis 15.05.2020. Ziel der Untersuchung war es, herauszufinden, wie viele Kinder in welchem Alter Covid-19 bekommen und wie viele davon ihre Eltern infizieren.

Ergebnis und Fazit der Wissenschaftler: Kinder spielen nur eine untergeordnete Rolle bei der Übertragung des Virus. Unter den untersuchten Eltern-Kind-Paaren war aktuell nur ein Elternteil-Kind-Paar infiziert. 64 Getestete hatten Antikörper gebildet und weitgehend unbemerkt eine Corona-Infektion durchlaufen, darunter 45 Mütter / Väter und 19 Kinder. Der Unterschied in der Antikörper-Bildung zwischen Kindern und Erwachsenen sei statistisch hoch signifikant. Kinder zwischen 1 und 5 Jahren waren mit 7 Fällen (von 1.122) noch seltener antikörper-positiv als ältere Kinderzwischen 6 und 10 Jahren (12 Fälle von 1.358). Daraus könne man schließen, dass sich Kinder seltener mit dem Coronavirus infizieren als Erwachsene und auch keine besonderen Infektionstreiber sind. Bei der Studie fiel zudem auf, dass das Ausbreitungsrisiko auch bei Kindern in Notbetreuung nicht erhöht zu sein schien.

Corona-Studie in Düsseldorfer Kitas

Das Institut für Virologie der Heinrich-Heine-Uni im Juni / Juli 2020 insgesamt 5210 Personen, 3955 Kinder und 1255 Betreuer in 115 Düsseldorfer Kitas auf das Coronavirus untersucht. Jeder wurde zweimal pro Woche getestet –  vier Wochen lang. Dabei wurde lediglich bei einem einzigen Kind eine Infektion festgestellt.

„Die bisherigen Studienergebnisse geben keinen Anlass davon auszugehen, dass von Kita-Kindern ein erhöhtes Infektionsrisiko ausgeht oder im Umfeld Infektionsketten ausgelöst werden, obwohl das geltende Abstandsgebot in der Kindertagesbetreuung nicht eingehalten werden kann.“ Link zu einem Zeitungsbericht über die Düsseldorfer Kita-Studie.

Auch in Berlin: Schulen und Kitas keine Hotspots

Bericht der Berliner Morgenpost: „Sieben Wochen nach dem Ende der Sommerferien [in Berlin] haben sich Befürchtungen nach massenweisen Corona-Infektionen an Kitas und Schulen nicht bewahrheitet. An den Bildungseinrichtungen treten zwar einzelne Infektionen auf, Kita-Kinder und Schüler stecken sich aber nicht gegenseitig an.“ „Der Senatsverwaltung für Bildung sind keine schulinternen Ansteckungsfälle bekannt“, heißt es  in der Antwort der Bildungsverwaltung auf eine Anfrage der CDU.

Berichte über „Ausbrüche“ an Schulen oder Kitas sind irreführend

Dies sagte die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene auf Basis einer Auswertung von internationalen Studien in einer Stellungnahme von Anfang August. Bei den meisten „so genannten Ausbrüchen“ habe es sich „kleine Fallzahlen“ gehandelt, deren „Ursache außerhalb der Kitas oder Schulen lag“.

„Lehrer in Schulen und das Personal in Kindertageseinrichtungen (Kitas) haben (…) bei Einhaltung von basalen Hygienemaßnahmen nur ein geringes Ansteckungsrisiko durch Kontakte zu potentiell infizierten Kindern“. Berichte über „Ausbrüche“ an Schulen / Kitas seien irreführend und sollten Eltern, Kinder und Lehrer bzw. Erzieher nicht beunruhigen. Link zur Stellungnahme der DGHK.

FAQ: Ansteckungsgefahr durch Kinder